[an error occurred while processing this directive]

„Ein klassischer Wertekonflikt“

Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonnstagszeitung vom 22. Juli 2012

Für Fritz Kuhn, der für die Grünen im Herbst zum Stuttgarter Oberbürgermeister gewählt werden will, muss die Beschneidung von Jungen in Deutschland zulässig sein. Sie sei ein Teil der Identität zweier Weltreligionen, sagt er im Interview mit der F.A.S.

F.A.S.: Herr Kuhn, lassen Sie uns über Werte reden anhand eines aktuellen Beispiels. Was wiegt bei Beschneidungen schwerer: das Recht auf freie Religionsausübung oder das auf körperliche Unversehrtheit des Kindes?

Fritz Kuhn: Ein klassischer Wertekonflikt. Wir brauchen ein klare gesetzliche Regelung, die die Beschneidung von Jungen innerhalb klarer Regeln ermöglicht.

Und bei Mädchen?

Nein, denn die Beschneidung von Mädchen ist eine Körperverletzung mit dauerhaften Folgen, zum Beispiel was das sexuelle Lustempfinden angeht.

Medizinische Studien zeigen, dass es bei Männern ähnliche Einschränkungen gibt.

Viele Ärzte und Psychologen sehen das vollkommen anders. Die Beschneidung von Jungen kann man nicht mit der Genitalverstümmelung von Mädchen vergleichen. Die Beschneidung von Jungen ist für zwei Weltreligionen Teil ihrer Identität.

Für viele Muslime ist die Beschneidung von Mädchen eine religiöse Pflicht, zurückgeführt auf einen Ausspruch ihres Propheten.

Auch dies ist im Islam umstritten. Am Ende des Tages gilt in Deutschland, was in unseren Gesetzen steht. Die Beschneidung von Mädchen ist bei uns verboten, und das muss auch so bleiben.

Muss das Grundgesetz nicht zuerst das Recht des Kindes schützen, frei seinen Glauben zu wählen - und es vor der körperlich nicht reversiblen Entscheidung seiner Eltern schützen?

Das kann man so sehen, aber es wäre ein tiefer Eingriff in die religiöse Praxis und damit in die Religionsfreiheit. Es gibt ja ungeheuer viele Dinge, die Eltern für ihre Kinder entscheiden. Der Gesetzgeber muss das alles genau abwägen. Dafür muss sich der Bundestag Zeit nehmen.

Sollen Eltern ihre Kinder schlagen dürfen?

Nein, da ziehe ich eine klare Grenze: Die Prügelstrafe ist eine Form der Erniedrigung von Kindern und deshalb verboten. Für die Beschneidung von Jungen gilt das nicht.

Bleiben wir bei den Werten. Gibt es für die Grünen, die Sie mit gegründet haben, den einen, den wichtigsten Wert?

Die drei wichtigsten Werte sind Freiheit, als Voraussetzung zur Selbstbestimmung, soziale Gerechtigkeit und Ökologie im Sinne praktizierter Zukunftsverantwortung.

Ist Ökologie wirklich ein Wert?

Die Beachtung der Ökologie ist die Voraussetzung dafür, dass auch künftige Generationen frei und selbstbestimmt handeln können und die Erde nicht in einem Zustand vorfinden, in dem das nicht mehr geht.

Und wenn Werte kollidieren?

Das kann passieren. Als die Grünen Ende der neunziger Jahre forderten, der Liter Benzin solle fünf Mark kosten, war das ein ökologisch völlig richtiger Schritt im Sinne der Zukunftsverantwortung. Es war aber sozial nicht gerecht, weil sich so nur noch die Reichen das Autofahren hätten leisten können. Wir haben den Beschluss korrigiert. Es reicht also nicht, Werte nebeneinander aufzustellen. Eine Partei muss auch darüber diskutieren, wie sie in Konfliktfällen widerstreitende Werte miteinander in Einklang bringt. Die Grünen können das inzwischen recht gut.

Ein Konflikt entsteht zwischen der geplanten Energiewende und den dadurch steigenden Strompreisen. Wie lösen Sie den auf?

Erstens: Die vielen Vergünstigungen bei den Strompreisen für die Wirtschaft müssen kritisch geprüft werden. Zweitens: Wenn der Strom teurer wird, muss der Staat dafür sorgen, dass auch Verbraucher mit niedrigen Einkommen sich Maßnahmen zum Energiesparen leisten können.

Die Werte, die Sie nennen, haben doch alle Parteien auf ihren Fahnen stehen.

Es kommt ja nicht nur darauf an, was man auf dem Firmenschild stehen hat, sondern auch, was dahintersteht, also darauf, wie die Werte interpretiert werden. Am Beispiel der sozialen Gerechtigkeit lässt sich das gut zeigen. Wir Grüne wollen einen Sozialstaat, der nicht nur auf Fürsorge, sondern gerade auf die Möglichkeit zur Selbstbestimmung setzt.

Anfang 2011 standen die Grünen bundesweit in den Umfragen bei mehr als 25 Prozent. In Stuttgart wurde der erste Grüne zum Ministerpräsidenten gewählt. Seither geht es bergab. Wieso?

In Baden-Württemberg geht es überhaupt nicht bergab, wir sind sogar in den Umfragen gestiegen.

Aber im Bund nicht.

Die Zahlen, die Sie nennen, waren ein Höhenflug. Die 13 oder 14 Prozent, bei denen die Grünen jetzt in den bundesweiten Umfragen stehen, sind die normalen Werte. Sind wir in guter Form, können wir bei der Bundestagswahl darüber liegen, bei schlechter Form auch darunter.

Ist der Streit über die Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl gut oder schlecht für die Form?

Die Führung der Partei, also die beiden Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir, und die Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin müssen jetzt, im Sommer, eine glasklare Regelung treffen, wer als Spitzenkandidat vorgeschlagen wird. Eine endlose Diskussion über den Sommer wäre schädlich, eine Urabstimmung kann nicht wirklich klären, was jetzt zu klären ist. Das Ganze sollte am besten wie bei der Papstwahl geschehen: Die vier bleiben solange in einem geschlossenen Raum, bis grüner Rauch aufsteigt.

Es gibt aber nur einen Papst.

Es gab auch schon mal zwei Päpste nebeneinander. Nur muss es bei uns ohne Schisma geschehen. Ich denke allerdings, bei uns wird es wieder eine Doppelspitze werden. Die Partei erwartet jetzt vor allem eine rasche und klare Entscheidung und nicht ein wochenlanges Sommertheater.

Stört diese Debatte auch den Wahlkämpfer Fritz Kuhn, der im Herbst zum Stuttgarter Oberbürgermeister gewählt werden will?

Nein. Zwar ist gute Stimmung in der Partei immer eine Stütze. Aber bei der Wahl eines Oberbürgermeisters geht es um die Person, ob jemand bekannt ist, auf die Menschen zugehen kann.

Wird auf Ihrem Wahlplakat stehen, dass Sie ein Grüner sind?

Das weiß doch sowieso jeder hier. Jedenfalls wird es klar erkennbar sein durch Farbe und Schrift.

Steht es nun drauf oder nicht?

Da müssen Sie schon warten, bis die Plakate im August der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Das Gespräch mit Fritz Kuhn führten Thomas Gutschker und Eckart Lohse.

[an error occurred while processing this directive]

[an error occurred while processing this directive]