Was unsere Gesellschaft zusammenhält

Fritz Kuhn: Integration der Kulturen

Schade um das schöne Wort. Friedrich Merz hat es versaut: Leitkultur. Er redete einer deutschen Leitkultur nach dem Motto „Mal allen zeigen, wo der Hammer hängt“ das Wort. Der Leitkulturbegriff war eine Ausgrenzungsidee, nicht mehr und nicht weniger. Bei Merz hätte die deutsche Leitkultur sogar auf einen Bierdeckel gepasst. Doch der Versuch der politischen Rechten in Deutschland, die lange Strecke der Realitätsverweigerung noch einmal zu verlängern, ist gescheitert. Die Realität ist, dass wir ein Einwanderungsland sind, mit verschiedenen Kulturen und großen und kleinen Schnittmengen. Sich dagegen im Zeitalter der Globalisierung zu wehren, ist aus der Perspektive eines Exportweltmeisters nach meiner Überzeugung schlichtweg lächerlich.

Wir Grüne haben den Begriff Leitkultur weggebissen. Das war gut so. Aber um die Frage, was denn die Schnittmenge sei für alle, die hier in Deutschland leben wollen, kommen wir nicht umhin. Nochmal: schade um das schöne Wort. Denn wir müssen uns verständigen, wovon wir uns leiten lassen in unserem Land (empirisch) und wovon wir uns leiten lassen wollen (normativ).

Wenn Integration nicht nur ein Plastikwort sein soll, das immer irgendwie passt, dann muss zweierlei beachtet werden. Integration kann nicht heißen, dass Mehrheiten Minderheiten sagen, sie sollten sich benehmen wie die Mehrheit. Aber Integration ist ebensowenig ein kultureller Eintopf nach dem Muster multikultureller Straßenfeten: Jeder bringt was mit und stellt es auf den Tisch. Integration ist Bereicherung, aber sie ist auch Stress. Sie verlangt die Bereitschaft, sich zu öffnen und sich möglicherweise selbst zu verändern. Multikulturelle Demokratie ist nicht identisch mit dem Gesäusel der Willkommensrhetorik.

Natürlich könnten wir uns schnell verfassungspatriotisch einigen. Unsere Leitplanken stehen im Grundgesetz. Menschen- und Bürgerrechte, Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit, Trennung von Religion und Staat, Religions- und Meinungsfreiheit. Gemeint sind auch der Verzicht auf Gewalt, die Akzeptanz abweichender Meinungen, der Respekt vor Eigentum, das Recht auf Selbstbestimmung oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ureigentlich deutsch ist das nicht, denn die unserer Verfassung zugrunde liegenden Menschen- und Bürgerrechte teilen wir mindestens mit den meisten Europäern. Manche der Einwanderer, die zu uns ins Land kommen, haben mit der ein oder anderen Verfassungsvorschrift Probleme. So ist es für einige Muslime zunächst schwierig, mit der Trennung von Religion und Staat zu Recht zu kommen. Sie ist Ergebnis der europäischen Aufklärung und hat uns Frieden und Freiheit gebracht. Der Islam hat Aufklärung in diesem Sinne nicht erfahren, was nicht heißen soll, dass es nicht aufgeklärte Muslime gibt.

Aber natürlich haben wir auch in Deutschland unsere Probleme mit dem Grundgesetz. Zwar gehen in Deutschland Männer und Frauen in der Regel nebeneinander her und nicht - wie bei manchen türkischen Paaren - der Mann einige Meter voraus. Aber Probleme mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau haben wir doch. Frauenlöhne sind noch immer niedriger als Männerlöhne. In den Vorständen der 30 größten deutschen Aktienunternehmen gibt es gerade eine einzige Frau - das haben wir mit Saudi-Arabien gemein.

Unser Grundgesetz beschreibt den Rahmen der Integration. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die hehren Ziele der Verfassung in gelebte Verfassungswirklichkeit umzusetzen, ist die Aufgabe aller in Deutschland lebenden Menschen. Das tägliche Absingen der Nationalhymne in Schulen wird uns dabei ebenso wenig helfen wie der absurde Gesinnungstest für Muslime in Baden-Württemberg. Aber ein guter Schulunterricht, der die Kinder in die Wirklichkeit einer Verfassung einübt, würde weiterhelfen. Wir haben ihn noch nicht.

Das Medium der Integration ist die deutsche Sprache. Weitere Sprachen aller Art sind wichtig und willkommen. Aber es führt kein Weg daran vorbei: In Deutschland spricht man Deutsch. Mehr oder weniger gut. Wenn das Ziel der Integration die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist, dann ist die Bedingung das Beherrschen der deutschen Sprache. Deswegen müssen alle, die hier leben wollen, egal in welchem Alter, deutsch lernen. Wir können tolerant sein und nachvollziehen, dass dies einem 50jährigen Türken schwerer fällt als einem Kindergartenkind. Aber wir können nicht tolerant sein, wenn jemand den Kindern verweigert, die Sprache lernen zu dürfen. Natürlich gilt das für jedes Kind, nicht nur für die von Migranten. Bei der Einschulung sind es zunehmend auch Kinder deutscher Eltern, die ihre Muttersprache nicht beherrschen.

Wenn die Beherrschung der Sprache die notwendige Voraussetzung für Integration ist, dann muss sich hierauf die Integrationsdebatte konzentrieren. Alle Kinder müssen bei der Einschulung Deutsch insoweit beherrschen, dass sie am Unterricht wirklich teilhaben können. Dies darf nicht am Geld scheitern. Nichts kommt später teurer als junge Menschen, die keine echte Chance bekommen haben. Deswegen müssen wir von allen EinwanderInnen verlangen, dass sie ihre Kinder deutsch lernen lassen. Dafür lohnt es sich aus meiner Sicht, über eine Kindergartenpflicht nachzudenken. Sicher ist Freiwilligkeit beim Lernen immer besser als Zwang. Dennoch kann man eine solche Verpflichtung eher in Kauf nehmen als zehn oder zwanzig Prozent Kinder eines Jahrgangs, die mit sechs Jahren die deutsche Sprache nicht beherrschen, die deswegen kaum Schul- und Lebenschancen haben und das Lernklima der ganzen Klasse verschlechtern. Es ist daher ebenfalls zu begrüßen, wenn Berliner Schulen Konzepte entwickeln für ihre deutschsprechende Schule. An dieser Stelle muss übrigens auch in meiner Partei ehrlich diskutiert werden. Es sind nicht wenige grün wählende Eltern, die ihre Kinder wegen zu hohem Ausländeranteil in Schulen des Nachbarbezirkes anmelden.

Der Erwerb der deutschen Sprache ist auch Erwerb der deutschen Kultur. Landeskunde, Geschichte, Literatur und vieles andere mehr können auf diesem Wege vermittelt werden. Die Sprache ist der Schlüssel für jede Kultur. Ich plädiere aber dafür, sich in der Debatte um unsere kulturellen Leitplanken den Verweis auf deutsches Essen ebenso zu sparen wie den auf die berühmten Sekundärtugenden. Das ist überflüssig. Wir werden von niemandem zu verlangen haben, wer in Deutschland lebe müsse Schweinebraten mit Knödeln mögen. Sind Pünktlichkeit, Sauberkeit oder Fleiß Tugenden, die man zu Leitplanken der Integration küren sollte? Ich würde das bezweifeln. Es ist empirisch nicht belegt, dass Deutsche hier mehr zu bieten hätten als der Rest der Welt. Wechseln wir unsere Unterwäsche wirklich häufiger als die Engländer oder die Franzosen? Sind wir wirklich fleißiger als die Spanier oder die Polen? Lügen wir weniger als die Schweizer oder die Italiener? Natürlich sind Pünktlichkeit, Ordnungssinn oder Fleiß wichtige Tugenden. Wer über sie nicht verfügt, wird zum Beispiel im Berufsleben seine Schwierigkeiten haben. Aber was ist mit Tugenden wie Kreativität, Solidarität und Ehrlichkeit? Oder mit der Fähigkeit zuzuhören, Schönes von Hässlichem zu unterscheiden oder Kinderfreundlichkeit?

Nach meiner Überzeugung gehört zur Integration, dass es wichtige Tugenden gibt, die in verschiedenen Kulturen unterschiedlich ausgeprägt sind. Integration könnte in diesem Sinne ja auch bedeuten, dass man zuhört und verstehen lernt, was andere besser können, um schließlich manches zu übernehmen.

Spannend ist die Frage, wie tolerant wir sein müssen, damit Integration klappt. Das Grundgesetz steckt den Rahmen, wie beschrieben. Ehrenmorde und Genitalverstümmelung kann es nicht geben. Sie verstoßen überall gegen die Menschenrechte und die Rechtsordnung, sie sind schwere Verbrechen. Aber es gibt viele Bereiche, die für Integration relevant sind und schwieriger zu beurteilen sind. Sollen wir es tolerieren, wenn türkische Eltern ihre Töchter nicht zum Sportunterricht anmelden? Sollten wir nicht doch das Kopftuch einer Lehrerin akzeptieren? Soll man Muslimen (und Juden) mit Hinweis auf den Tierschutz das Schächten weiterhin verbieten und auch die vom Verfassungsgericht aus Gründen der Religionsfreiheit ermöglichten Ausnahmegenehmigungen nicht erteilen? Kann ich mich weiterhin heimlich aufregen, wenn türkische Männer leger gekleidet vor ihren Frauen herlaufen, die dick verhüllt die schweren Plastiktüten nach Hause schleppen müssen?

Vier Beispiele, die eine unterschiedliche Antwort erfahren. Ich will sie nicht im Einzelnen erörtern. Wichtig ist hier nur die Frage der Toleranz. Toleranz heißt nicht, zu billigen, was man sowieso irgendwie gut oder wenigstens akzeptabel findet. Sondern Toleranz heißt, etwas zu gestatten oder hinzunehmen, was man nach den eigenen Moral- oder Normensystem für sich ablehnt. Integration funktioniert nach meiner Überzeugung nur mit Toleranz. Wenn es eine Religion den Frauen verbietet, sich in einer bestimmten Weise öffentlich zu zeigen, dann müssen wir das hinnehmen. Sonst ist die Religionsfreiheit eine Farce. Aber Toleranz ist nur möglich mit Grenzen der Toleranz. Die Regeln unserer Verfassung stecken den nicht immer leicht zu interpretierenden Rahmen ab, was zu tolerieren sein könnte und was nicht. Das Schächturteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 15. Januar 2002 zeigt, wie schwierig ein solcher grundgesetzbezogener Abwägungsprozess im Einzelnen sein kann. Nach meiner Überzeugung sollten wir es nicht tolerieren, wenn Mädchen nicht am Sportunterricht teilnehmen dürfen. Die körperliche Entwicklung der Kinder kann dem Staat nicht gleichgültig sein. Bei der Frage des voraus gehenden türkischen Mannes kann hingegen Toleranz erwartet werden. Zur Toleranz gehört ja nicht, dass ich es auch noch gut finden muss.

Aber reden wir in diesem Zusammenhang nicht immer nur über die Einwanderer. Müssen wir es tolerieren, wenn in einem deutschen Restaurant die Nase gerümpft wird, weil eine Familie mit Kindern hereinkommt? Müssen wir tolerieren, wenn die Kirchenglocken einem den verdienten Sonntagsschlaf rauben? Müssen wir es akzeptieren, wenn 60 Prozent Wirtschaftsunternehmen keine Menschen über 50 Jahren beschäftigen, obwohl das Rentenalter schon bald bei 67 Jahren liegen soll? Solche Fragen kann man für jede Kultur stellen. Fragen der Toleranz sind nicht nur Fragen der Integration.

Wichtig bei den strittigen Fragen der Toleranz scheint mir zu sein, dass die Normen um die es geht, begründet werden müssen, wenn wir an Integration interessiert sind. Je redundanter die Begründungen, umso geringer die Bereitschaft zur Integration. Wer nicht begründen will, grenzt aus. Sätze wie „Das macht man nicht, weil man es in Deutschland nicht macht“ kann man oft hören. Sie sind aber nichts anderes als die Verweigerung von Begründungen. Wer begründet, warum er etwas nicht akzeptieren will, ist jedenfalls näher an der Integration, als der, der die Begründung verweigert.

Integration heißt gleiche Anerkennung. Sie kann es nur geben, wenn man in der Lage ist, auch Gewohntes in Frage zu stellen. Die Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit zur Übernahme der anderen Perspektive und zum Diskurs. Die Diskussion darüber, wer wir sind und wer wir sein könnten, darf nicht aufhören. Mit oder ohne Leitkultur.

[an error occurred while processing this directive]
[an error occurred while processing this directive]